Bestellt und geliefert
Über die Aktion „Post-Graffiti“.
Der Black Friday ist eine Woche her und die DHL-Wägen samt Fahrer:innen immernoch eifrig in den Städten unterwegs, um auszuliefern. Konsum und Kapitalismus zum Trotz rückt eine Graffiti-Aktion in Hamburg zu diesem Shopping-Anlass stärker in den Fokus als ohnehin schon. Und zwar streifen Moses, Taps, Thunder, die BK-Crew (kurz für Blitzkrieg) und die GMS-Crew durch die DHL-Verteilerzentren, um die Lieferwägen, die sich zur Zustellung vermehrt nach Eimsbüttel, Altona, Hoheluft und in die Schanze auf den Weg machen, zu besprühen. Das sind aufwendige Pieces, die so kunstvoll sind, dass selbst ein geübtes Graffiti-Auge staunt und Throw-Ups und Tags, die zeigen, dass jemand hier war.
Damit heiße ich dich herzlich willkommen (zurück) im Popcorner – heute werfen wir einen Blick auf die sogenannten „Post-Graffitis“ und beschäftigen uns mit der Botschaft hinter der Aktion, die sich nicht nur auf die Hansestadt, sondern mittlerweile auf ganz Deutschland erstreckt.
„Post-Graffiti“ ist nicht neu
Da die besprühten DHL-Wägen momentan sehr prominent in der Stadt unterwegs sind und auf Social Media rezipiert werden, könnte man meinen, dass die Aktion eine neue sei. Dem ist aber nicht so. Bereits in den vergangenen Jahren suchten sich Moses, Taps, Thunder, Code, Otis und Futo neue Flächen, um das Sprühen auf ein neues Level zu heben. Sie nannten das „Post-Graffiti“ – als Anspielung auf das Postunternehmen und, um einer neuen Ära des Graffitis einen Namen zu geben. Was im Sommer 2023 in Hamburg begann, weitete sich bis Berlin und Dortmund aus und erstreckt sich jetzt aufs ganze Land. Mit unterwegs: Die Fotografen Edward Nightingale, Emmett Edelstein und andere, die das Ganze dokumentierten und Material für einen Katalog lieferten, der 2024 erschien und über 320 Seiten hat. Bemalte Trucks sind es aber noch mehr. Stand letztem Jahr waren es rund 450.
Die Königsklasse des Stylewritings?
Das Glück auf ein solches Bild zu treffen, ist meist nur von kurzer Dauer, da die Paketzulieferer unter Zeitdruck stehen und oft gehetzt in der Stadt unterwegs sind. Trotzdem reicht ein kurzer Blick schon aus, um den ausgefeilten Style und die Kunstfertigkeit dieser Bilder mit dem bloßen Auge zu erkennen.
Thunder (BK-Crew), Otis und Futo (GMS-Crew) zum Beispiel malen meistens ihren Schriftzug mit ausgestalteten Characters, vielen Effekten und etlichen Farben. Von ihnen sieht man meistens Throw-ups oder Pieces. Auch Namen wie Alias, Cyan, CPK und andere sind auf den Trucks zu lesen.
Das Ganze treiben Moses und Taps aber auf eine noch höhere Spitze: Sie spielen noch krasser mit Effekten, zeichnen ironische Varianten und beweisen mit frechem und klugem Stylewriting, dass man nicht nur auf einem anderen Untergrund, sondern auch auf anderer künstlerischer Ebene unterwegs ist. Das weckt Aufmerksamkeit. Auch in einer Stadt wie Hamburg, die von Graffitis so übersät ist, wie der Elbstrand mit Sand. Und das eben nicht nur, weil sie auf „neuen Sprühflächen“ durch die Stadt fahren, sondern, weil sie sich vom Rest abheben.
Werbung oder Konsumkritik?
Und so kam es, denn mit den fahrenden Kunstwerken lösten sie einen Hype aus. Sucht man auf Social Media nach Informationen, stößt man auf etliche Accounts, die eine tausendfache Followerzahl mit Bildern der Trucks bedient. Graffiti hat es von der Subkultur also nicht nur vor die Haustür geschafft, sondern ist bis zum Smartphone und in den Algorithmus vorgedrungen. Ein bisschen fühlt man sich an Coca-Cola erinnert, die vor Jahren den Marketing-Trick etablierten, ihre Flaschen personalisiert mit Namen zu verkaufen. Das Massenprodukt verwandelt sich zum persönlichen Eigentum und dringt in den privaten Raum ein. Graffiti wird also tatsächlich nahbar, aber haftet ihm damit auch ein bisschen Pop Art an?
Wo du gerade so schön am Popcornern bist, kannst du auch im Porträt über fraujule* oder OZ vorbeischauen.
Evolution statt Revolution
An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass Moses und Taps in der Hansestadt keine neuen Namen sind – auf Trucks, Brücken, Wänden und Bahnen. Auch wer mit dem Zug unterwegs ist und den Blick entlang der Gleise schweifen lässt, findet Throw-Ups von Harburg bis Hannover und im südlichen Raum, etwa in Städten wie Offenburg, den Namen Moses im Bubble-Style an Schallschutzwänden hervorblitzen. Moses und Taps sind weltweit bekannt und nutzen das. Im Webshop gibt es Poster, Bücher und Merch zu kaufen.
Kontextualisiert man die „Post-Graffiti“-Aktion, zeigt sich, dass es sich hier nicht um eine Revolution des Graffitis, sondern um eine logische Evolution handelt. Als Königsklasse galt bislang das Besprühen von Zügen. Einen eigenen Yard zu sprühen, das eigene Kunstwerk durch die Stadt fahren zu sehen, entfacht einen ganz anderen Reiz und Anerkennung als eine Hauswand zu taggen. Illegal und strafbar ist aber beides. Mit „Post-Graffiti“ weitet sich das Ganze aus – die Pieces fahren jetzt nicht nur durch die Stadt, sondern bis vor die Haustür. Die „Leinwand“ ist größer geworden.
Dass man es bei diesen Graffitis mit Profis zu tun hat, sieht man nicht nur an den Bildern selbst, sondern auch an den Locations, an denen die Aktionen passieren. Eine davon ist die DHL-Verteilerzentrale in der Kaltenkirchener Straße, zwischen Altona und Eimsbüttel. Auf dem Parkplatz stehen einige Lieferwägen, die durch eine Schranke abgesperrt sind. Auf den ersten Blick leicht zugängliches Gelände, das keinen Kletter-, Abseilakt oder Verkleidung braucht, aber durchaus gesichert ist, wie Tobias Buchwald, Pressesprecher der DHL Group sagt: „Trotz sorgfältiger Überwachung unserer Zustellfahrzeuge lässt es sich nicht gänzlich vermeiden, dass diese bisweilen mit Graffiti besprüht werden.“ Der Schwierigkeitsgrad für die Writer bleibt im Vergleich zu den Yards ein ähnlicher, wobei es sich nur mutmaßen lässt, dass das Eindringen in DB- oder DHL-Gelände ein ähnliches Maß an Geschicklichkeit und Risiko erfordert.
Dass sich die Bilder stilistisch vom Graffiti-Dschungel abheben, zahlt gleichermaßen auf das Anerkennungskonto ein, wie die innovative Ausgestaltung und die Idee, neue „Leinwände“ für Graffiti für sich zu beanspruchen und Autos zu besprühen. Eine, die zwar naheliegt, bisher aber noch keinem anderen Writer in Hamburg gekommen scheint.1 Trotz all der Aufmerksamkeit investieren nicht nur die Writer, sondern auch die Global Player viel Geld und Aufwand. Letztere, um die Bilder zu entfernen, dabei könnten sie sie doch auch einfach für sich nutzen.
Noch mehr Graffiti? Dann kannst du hier mein Interview mit Satisfied Guy und das mit Lapiz lesen. Außerdem schauen wir uns den Unterschied zwischen Tags, Throw-Ups und Pieces an.
Warum lässt man sie nicht stehen?
Viel Aufwand fließt seitens der Writer in Planung, Vorbereitung, Material und Umsetzung. DHL investiert ins Gegenteil: Den Wägen ist teilweise anzusehen, dass der Konzern an den Außenwänden schrubbt. „Es handelt sich um Sachbeschädigung und die Entfernung ist aufwendig und teuer. Wir bringen jeden Vorfall zur Anzeige und arbeiten eng mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen“, sagt Buchwald. Also verschwinden die Bilder, weil sie eben Graffitis sind, die immer mit Vergänglichkeit einhergehen, weil sie entfernt oder übermalt werden.
Man sieht den gereinigten Wägen an, dass da einmal etwas war. Das DHL-Gelb ist an den geputzten Stellen nicht mehr so eben, wie der Rest. Das rote Logo teilweise angekratzt. Die Bilder sind gewichen, die Spuren geblieben und übergeschwappt. Denn neben Moses, Taps, Thunder und Co. sind mittlerweile auch andere Namen auf den Trucks zu lesen. Auch wenn die DHL Group die Bilder entfernt, gehört das eben zum Prozess. Graffiti liegt immer Protest, wer mag auch Anarchie, zugrunde und der Reiz und das Risiko würden schwinden, wenn die Bilder geduldet wären.
Außerdem sind da wir, die weniger in Läden gehen und immer mehr bestellen. Der Black Friday ist nicht mehr nur ein Tag. Es gibt Black Week, Cyber Monday und an jeder Ecke Rabatte, die uns um die Ohren flattern. Wir sind zurück beim Ansatz von „Post-Graffiti“, die Sprühkunst wieder näher zu den Menschen zu bringen. Die Aktion, die sich als Konsum- und Kapitalismuskritik inszeniert, wird nicht nur durch Global Player, sondern durch unser Kaufverhalten gefüttert. Wenn wir nicht bestellen würden, würden die Trucks nicht durch die Stadt fahren. Damit sind es wir, die dem Ganzen eine Bühne bieten. Indem wir googeln, klicken, bestellen und zurückschicken, statt in den Laden zu gehen. Der Konzern DHL, dessen Trucks die Leinwände sind, die vor unseren Haustüren parken, wird damit Mittel zum Zweck. Vorrangig ist: Wir haben bestellt, die BK- und die GMS-Crew haben geliefert.
Danke, dass du bis hierin gelesen hast. The Popcorner ist ein unabhängiger Newsletter, den ich in meiner Freizeit schreibe. Die Bilder sind selbst fotografiert. Die Artikel sind kostenlos und ich verdiene damit nichts. Deswegen kannst du sie auch ohne Störer und Werbung lesen. Falls du in Betracht ziehst, meine Arbeit zu unterstützen, würde ich mich freuen, wenn du den Newsletter abonnierst und vielleicht sogar ein Pledge abgibst? Vielen Dank und bis bald!
Quellen:
Ehrenheim, Jörn: „Post-Graffiti: DHL bestimmt das fahrende Stadtbild mit bunten Schriftzügen“, in: touchyou.de, 26. Oktober 2025.
Kikol, Larissa: „Bemalte DHL-Fahrzeuge. Was zur Hölle ist Post-Graffiti?“, in: monopol-magazin.de, 24. September 2024.
Loesche, Dyfed: „Kunst auf Rädern. Wenn das gratis Graffiti per DHL kommt“, in: hamburg.t-online.de, 31. August 2025.
Wood, Geneviève: „Hunderte DHL-Fahrzeuge in Hamburg besprüht – wer dahintersteckt“, in abendblatt.de, 12. Juli 2024.
Ich erinnere an die Aktion von Rocco und seinen Brüdern 2021 in Berlin. Sie besprühten ein altes Auto mit Amazon-Logo und kritischen Parolen und platzierten es in der Fußgängerzone. Das Ganze hieß „Amazon Crime“.











Sehr schöne Motive. Das ist Kunst.
👏👏👏